25 Nov

Diplomarbeit: First Responder

Zusammenfassung der Diplomarbeit

Retrospektive Analyse von 700 „First-Responder“-Einsätzen von 2005-2013 im Bezirk Oberpullendorf beim Roten Kreuz Burgenland

Christoph Berdenich
betreut von Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schreiber
an der Universitätsklinik für Notfallmedizin, AKH Wien

Hintergrund

Allgemeines

Ländliche Gegenden stellen wegen ihrer geo- und demographischen Besonderheiten eine Herausforderung für Rettungsdienstbetreiber dar. Dezentral gelegene Orte sind durch Rettungsmittel schwer in adäquater Zeit erreichbar. Eine Möglichkeit um auf zeitkritische Notfälle schneller reagieren zu können ist das First-Responder-Konzept.

First Responder

First Responder (FR) sind ausgebildete Sanitäter und hauptberufliche oder freiwillige Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die in ihrer Freizeit mit ihrem Privat-PKW zu Notfällen per SMS zusätzlich zu einem Rettungsmittel alarmiert werden und mittels professioneller Ausrüstung – insbesondere Defibrillatoren – Sanitätshilfemaßnahmen durchführen können.

Einige Vorteile von First Respondern sind:

  • schnellere Eintreffzeit, verglichen mit dem Rettungsmittel
  • frühzeitige sanitätshilfliche Intervention bei zeitkritischen Notfällen
  • qualifizierte Einschätzung der Lage und Rückmeldung an die Leitstelle
  • Ortskenntnis
  • mehr Hilfskräfte am Unfall-/Notfallort

First Responder beim Roten Kreuz im Bezirk Oberpullendorf

Im Jahr 2009 startete das Projekt „First Responder – flächendeckend im Bezirk Oberpullendorf bis 2014“. Durch private und gewerbliche Sponsoren sowie Veranstaltungen konnten über 20 Notfallrucksäcke und Defibrillatoren erworben und an First Responder verteilt werden. Mit 34 so ausgerüsteten Sanitätern wurde das Ziel im Jahr 2013 erreicht. Aktuell sind 36 First Responder bei der Bezirksstelle Oberpullendorf registriert.

 

Methodik

Das grundlegende Datenmaterial dieser retrospektiven Kohortenbeobachtung stellten alle vorliegenden First Responder – Protokolle von 2005 bis 2013 im Bezirk Oberpullendorf dar. Zusätzlich wurde die zugehörige Dokumentation des jeweiligen Rettungsmittels ausgewertet.

 

Resultate

Es konnten 390 vollständige Datensätze zur Auswertung herangezogen werden.

Einsätze pro Jahr

Anzahl der FR-Einsätze

Anzahl der FR-Einsätze

Hier ist zu beachten, dass die tatsächliche Zahl der von den First Respondern gefahrenen Einsätze weit höher liegt. Dies ist in den wissenschaftlichen Einschlusskriterien dieser Arbeit begründet (z.B. dokumentierte Eintreffzeit am Notfallort).

In den Jahren 2012 und 2013 ist eine deutliche Steigerung an Einsätzen zu verzeichnen, welche auf die erhöhte Zahl der First Responder zurückzuführen ist (Aktion „First Responder flächendeckend in Oberpullendorf bis 2014“).

Verteilung der Einsätze über Wochentage und Tageszeit

First Responder - Einsätze an Wochentagen

First Responder – Einsätze an Wochentagen

First Responder - Einsätze in der Arbeits-/Freizeit

First Responder – Einsätze in der Arbeits-/Freizeit

Es zeigt sich eine gesteigerte Aktivität der First Responder an Wochenenden, wohingegen die Einsatzzahlen der Rettungsmittel zur selben Zeit konstant bleiben oder nur sehr leicht ansteigen. Dies kann durch die Freiwilligkeit des First Responder – Systems erklärt werden. Neben den generell freiwillig beim Roten Kreuz arbeitenden fahren auch die hauptamtlichen Mitarbeiter ausschließlich in ihrer Freizeit zu Einsätzen. Erstere Gruppe könnte – im Einverständnis mit den Vorgesetzten – auch während der Arbeitszeit auf einen Notfall reagieren. Trotzdem zeigt sich, dass First Responder im Vergleich zum Rettungsmittel häufiger zwischen 17:00 und 08:00 („Freizeit“) ausrücken als zwischen 08:00 und 17:00 („Arbeitszeit“). Als Vergleichsdaten dienten hier alle Einsätze des Notarztwagens im Bezirk Oberpullendorf von 2005 bis 2013.

Geografische Verteilung der Einsätze

Geografische Verteilung der First Responder - Einsätze

Geografische Verteilung der First Responder – Einsätze

Die geografische Verteilung der Einsätze im Bezirk zeigt, dass es Gebiete mit erhöhtem Aufkommen gibt. Dies ist auf eine langjährige Präsenz und Aktivität einiger First Responder zurückzuführen. Erwähnenswert ist, dass einige dieser Orte (Deutschkreutz, Neckenmarkt, Horitschon, Lockenhaus, Weppersdorf) relativ weit von der Bezirksstelle entfernt sowie auch durchwegs bevölkerungsreich sind. 71% der Rettungseinsätze wurden in einer Entfernung (berechnet als Luftlinie) von mehr als 9.25km durchgeführt. Für das Rettungsmittel bedeutet dies – berücksichtigt man Alarmierungszeit sowie die erhöhte tatsächliche Fahrtdistanz – einer Fahrtzeit von über 10 Minuten.

Hauptfragestellung: Zeitvorteil der First Responder

Zeitvorteil der First Responder

Zeitvorteil der First Responder

Die First Responder hatten bei annähernd gleicher Alarmierungszeit eine kürzere Anfahrtszeit (5:32 ± 3:22 Minuten vs. 14:15 ± 4:05 Minuten) zum Notfallort und waren durchschnittlich 8:30 (± 4:54) Minuten früher vor Ort als das Rettungsmittel. In 97% der Einsätze trafen die First Responder gleichzeitig oder früher als das Rettungsmittel am Notfallort ein.

Herz-/Kreislaufstillstände und Reanimationen

44 Reanimationen und 9 Todesfeststellungen wurden qualitativ ausgewertet, also wurde in 86% der Einsätze mit der Erstdiagnose „Atem-/Kreislaufstillstand“ mit der Reanimation begonnen. Die primäre Erfolgsrate im Sinne eines Transports in das Krankenhaus mit wiederhergestelltem Kreislauf war 20.5%. In einer Studie, die Herz-/Kreislaufstillstände in Wien untersuchte, wurde bei 25% der Patienten nach begonnener Reanimation eine Wiederherstellung des Kreislaufs erreicht. Jedoch wurde in dieser Studie nur bei 20.6% der Fälle überhaupt mit einer Reanimation begonnen. Zwei Metaanalysen über vom Rettungsdienst versorgte Herz-/Kreislaufstillstände in Europa und den USA zeigen eine – nicht näher definierte – Überlebensrate von 10.7% bzw. 9.6% (23,54). Dies lässt – limitiert durch die niedrige Anzahl an Fällen – den Rückschluss auf eine gute Erfolgsrate der primären Wiederherstellung des Kreislaufs durch die First Responder zu.

 

Fazit

Diese Arbeit unterstreicht im Beobachtungszeitraum von 2005 bis 2013 die bekannten Vorteile des First Responder – Systems: schnellere Eintreffzeit, Überbrücken des therapiefreien Intervalls und erweiterte Erste Hilfe – Leistung. Vor allem der Zeitvorteil der First Responder gegenüber dem Rettungsmittel konnte eindrucksvoll nachgewiesen werden.

Der Aus- oder Aufbau eines First Responder – Systems in ländlichen Gebieten kann empfohlen werden, sofern die finanziellen und technischen Rahmenbedingungen gegeben sind. In diesem Fall ergibt sich ein Gewinn für Bevölkerung und Rettungsorganisationen im Sinne einer schnelleren sanitätshilflichen Versorgung.

 

Über die Diplomarbeit…

Die Diplomarbeit wurde von Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schreiber am Institut für Notfallmedizin des AKH betreut. Den entsprechenden Datensatz in der österreichischen Dissertationsdatenbank findet man unter http://permalink.obvsg.at/AC10776959.

Weitere Ergebnisse oder eine Volltextversion der Arbeit erhalten Sie direkt bei mir: christoph@berdenich.at

 

Bitte beachten Sie, dass eine Verwendung dieser Daten nur mit meiner Zustimmung erlaubt ist.

 

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